Seinen letzten Kampf wird der Box-Profi Pietro D'Alessio nicht so schnell vergessen. Der Solinger bestritt in der Kölnarena einen Vorkampf zum WM-Fight zwischen Wladimir Klitschko und Lamon Brewster. Die Zuschauerränge waren bereits gut gefüllt, als D'Alessio gegen Vilmos Balog in den Ring stieg. Der Ungar kam mit einer Bilanz von 16 Siegen in 16 Kämpfen in die Dom-Stadt. Neunmal hatte er durch K.o. gewonnen. Der körperlich überlegene Balog gewann zwar deutlich, niederstrecken konnte er den Solinger in den sechs Runden nicht. „Gegen solch einen Gegner bis zum Ende durchzustehen, ist nicht einfach“, war D'Alessios Manager Mustafa Erenay trotz Niederlage nicht unzufrieden.
„Ich bin kein Typ, der nach Punkten gewinnen kann, ich muss durch K.o. siegen“, sagt Pietro D'Alessio. Klingt ein wenig nach Macho, zumal Boxer seiner Gewichtsklasse – der 30-jährige Leicht-Mittelgewichtler wiegt 67 Kilo – die Kämpfe normalerweise nicht durch ihre gewaltige Schlagkraft entscheiden. Durchstöbert man aber die Presse-Archive über die gut zweijährige Profi-Karriere des Solingers, dann bestätigt sich das Bild, das der kurz geschorene Boxer von sich zeichnet. Manches liest sich wie ein Drehbuch zu einem Rocky-Film.
Etwa der Kampf gegen den aufstrebenden Deutschen Daniel Kaefer am 12. Mai in Oranienburg. Bereits in Runde eins war Pietro D'Alessio – „drei Runden brauche ich, bis ich warm bin“ – schwer angeschlagen. Irgendwie überstand er die nächsten Runden, kam dann besser in den Fight. „Vor der letzten Runde hat Mustafa gesagt, dass ich nach Punkten trotzdem verliere“, erzählt D'Alessio. Also ging er raus und holte sich seinen K.o.-Sieg. Seitdem ist er die Nummer vier der deutschen Rangliste.
„Wegen solchen Kämpfen haben wir jetzt auch die nötige Lobby, um in große Veranstaltungen reinzukommen“, sagt Mustafa Erenay, Manager, Trainer und Sparringspartner in Personalunion. Und auch das ist kein leerer Spruch. Vor zwei Wochen war der „Lizard“-Boxstall, der nur aus D'Alessio und Erenay besteht, bei der großen Klitschko-WM-Nacht in Köln mitten drin. Pietro D'Alessio wurde von einem großen osteuropäischen Boxstall als Gegner des 32-jährigen Ungarn Vilmos Balog gebucht. „Er war ein paar Kilo schwerer und hat mich gleich in der ersten Runde an der Nase erwischt“, erklärt der Solinger Boxer, warum es diesmal nicht wie gewünscht lief. Allerdings schaffte es auch der Klasse-Mann Balog nicht, D'Alessio auf die Bretter zu schicken. In zwei Jahren und elf Kämpfen als Profi wurde er noch nie ausgezählt.
Und den nächsten Kampf hat ihm Köln immerhin auch eingebracht. Ein italienischer Veranstalter hat Pietro D'Alessio noch am Ring für Mitte August nach Pescara eingeladen. Samstags ist der Kampf, bezahlt wird mit einer Woche Urlaub im Anschluss. „Denn von den Kampfgagen kann man nicht im entferntesten leben“, stellt Pietro D'Alessio klar, der tagsüber einem Acht-Stunden-Job als LKW-Fahrer nachgeht und abends trainiert. Dass er überhaupt „Profi“ geworden ist, waren die Amateure schuld. Denn die Gegner im Lager der Hobby-Boxer gingen dem Fighter D'Alessio aus dem Weg. „2004 habe ich gerade noch zwei Kämpfe gemacht, da war keine Zukunft mehr“, sagt der Mann, der mit 14 Jahren – übrigens damals schon gemeinsam mit Mustafa Erenay – als Kickboxer begann. „Heute ärgere ich mich, dass ich erst mit 24 Jahren zum Boxen gekommen bin, deshalb fehlt mir einiges an Technik“, sagt Pietro D'Alessio.
Während 30-Jährige in höheren Gewichtsklassen mitunter noch vor einer langen Karriere stehen, hat Pietro D'Alessio das Ende bereits im Visier. „Bei uns lebt man mehr von Schnelligkeit, zwei, drei Jahre will ich noch boxen“, erklärt er. In dieser Zeit will er das Zugpferd für „Lizard“ sein, denn der Solinger Boxstall soll nicht so klein bleiben. Eine Trainingshalle hat man bereits im Visier. „Nächstes Jahr wollen wir eine Profi-Veranstaltung in Solingen aufziehen“, sagt Mustafa Erenay.
KAmpfrekord Pietro D'Alessio startete seine Karriere als Profiboxer am 4. Juni 2005 in der Rattenfängerhalle in Hameln mit einem K.o.-Sieg über Michael Dragowski. Insgesamt hat er inzwischen elf Profi-Kämpfe bestritten mit fünf Siegen (viermal K.o.), fünf Niederlagen und einem Unentschieden. In der deutschen Rangliste des Leicht-Mittelgewichts wird er aktuell an Nummer vier geführt, in Europa entspricht das der Position 89.
Kickboxen Vor seiner Profikarriere absolvierte der 30-Jährige 123 Kämpfe als Amateur- und als Kickboxer. Die Kickbox-Szene sieht er heute eher kritisch. „Ich wurde als junger Kickboxer verheizt, leider gibt es in dieser Szene manche unseriöse Veranstalter.“
Vorkampf beim WM-Fight